TANKARD: Live Review vom Moona Metal Festival 11+12.06.04 zu finden bei www.dark-tales.de


Um das erste Metal-Festival in der "Live-Arena" im hessischen Münster rankten sich im Vorfeld bereits einige Gerüchte: Zunächst hieß es, OVERKILL seien bestätigt, und später machte noch der Name MOTÖRHEAD die Runde. Das Ganze sollte zudem als Open Air auf dem riesigen Gelände hinter dem Club veranstaltet werden. Doch erstens kommt es anders ... und zweitens als man denkt. Schließlich rockten fünf Bands im Club, MOTÖRHEAD und OVERKILL waren nicht dabei. Mit GRAVE DIGGER und TANKARD hatten die Veranstalter allerdings teutonische Qualität aufgefahren. Bereits am Freitagabend bei der Warm Up-Show spielten "Hellbangers Moselfranken" DESASTER sowie die lokalen Acts ABANDONED, FRAGMENTS OF UNBECOMING und TYRAX. Am Samstag war es dann soweit: Das "Moona Metal" Festival  ging in die erste Runde und etwa 400 Headbanger waren gekommen und feierten, was Nacken, Stimme und Leber hergaben. Zwar fiel der kurzerhand in die angrenzende Bar verlagerte Metalmarkt etwas klein aus, aber das kann ja in den kommenden Jahren noch werden. 

Here we go:


SENCIROW
Als erstes durfte die Power Metal-Kapelle SENCIROW aus Nordrhein-Westfalen auf die Bühne. Die Band hatte sich beim Band-Contest der "Live-Arena" in den vergangenen Monaten gegen einige Dutzend andere Kapellen durchgesetzt und bekamen als Belohnung die Möglichkeit, vor größeren Gruppen aufzutreten. Die Band um den markanten Sänger/Gitarristen Daniel Seifert nutzte die halbe Stunde, um mit Songs ihrer beiden Alben "Dreamspace" (1999) und  "Crown Of Creation" (2001) trotz der unchristlichen Zeit von kurz nach 18:00 Uhr ordentlich Stimmung in die Bude zu bringen. 

DEW-SCENTED
Im krassen Gegensatz zur der Mischung aus METAL CHURCH und IRON MAIDEN bei SENCIROW standen die Töne, die die deutschen Death-Thrasher DEW-SCENTED um die Ohren knallten. Wobei sie die Songs ihrer bisher fünf Alben eigentlich weniger knallten, sondern in gemächlicher Lautstärke aus den Boxen kamen. Da hatte der Mann an den Reglern wohl einen schlechten Tag gehabt. Die Matten des Gitarristen-Duos Hendrik Bache und Florian Müller kreisten zwar ordentlich und Sänger Leif Jensen growlte sich die Seele aus dem Leib, aber der positive Gesamteindruck wurde einfach durch den zu leisen und dumpfen Sound geschmälert. Bei Soli war teilweise die Rhythmusgitarre kaum zu hören. Das Publikum ließ sich den Spaß jedoch nicht verderben und feierte Brecher der Marke "Soul Poison" oder "Acts Of Rage" (beide vom Album "Impact" /2003) richtig ab. Der erste Moshpit des Abends ging somit völlig zurecht an DEW-SCENTED, auch wenn ich mir als Ersatz für die Absage von OVERKILL noch "Fatal If Swallowed" gewünscht hätte, das bereits 1998 auf dem Album "Innoscent" von DEW-SCENTED durch den Death-Fleischwolf gedreht worden war. Trotzdem kein schlechter Gig, der aber leider aufgrund der Zeitnot um zwei Songs gekürzt wurde. Da blieb mehr Zeit zum Flippern, wo die Jungs anschließend bewiesen, dass Fannähe auch nach fünf Alben kein Fremdwort sein muss.

CALLENISH CIRCLE
Mit den Holländern CALLENISH CIRCLE kamen zum zweiten Mal an diesem Abend die Freunde härterer Klänge zu ihrem Recht und trotzdem, dass das Match der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Käsköppe bei der EM in Portugal nur noch drei Tage entfernt war, gab es keine Ausschreitungen :-) Spaß beiseite: Wie auch DEW-SCENTED beackern die Mannen um Front-Grunzer Patrick Savelkoul (unglaublich, was der aus seinen Stimmbändern alles rausholt) das Feld des Death/Thrash. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen drückte der Sound von CALLENISH CIRCLE aber richtig im Gesicht. Schön laut und klar, einfach eine Wonne. Auch konnten sie ihren Set ungekürzt zum Besten geben. Zu den Höhepunkten gehörten "Soul Messiah" und "Forsaken" vom Album "My Passion/ Your Pain" (2003), auch wenn die deutschen DEW-SCENTED als ganz klarer Punktsieger aus dem  Death/Thrash-Duell hervorgingen, was die Größe des Moshpits angeht. Dennoch: Auch CALLENISH CIRCLE wurden nach allen Regeln der Kunst abgefeiert. Unverständlich eigentlich, dass beide Gruppen, die jeweils fünf Alben im Rücken haben und somit einen gewissen Bekanntheitsgrad, nur jeweils 45 Minuten Spielzeit zugestanden bekamen. Für ein Festival eigentlich ein bisschen schmal.

TANKARD
Dann war es Zeit für Frankfurt´s Finest. Mit den Worten "Oh Gott, bin ich voll" stolperte der sympathische Front-Koloss Andreas Fritz Johannes Geremia, kurz Gerre, auf die Bühne. Kurz darauf gab es Klassiker vom Fass: "Chemical Invasion" , "Space Beer" , "Freibier" , "Alien" usw. Trotz (oder auch wegen) des einen oder anderen Bierchens vor dem Konzert rannten Andreas Gutjahr (Gitarre) und Frank Thorwarth (Bass) wie aufgedreht über die Bühne. Gerre zeigte immer wieder stolz seinen prächtigen Binding-Spoiler, und Olaf Zissel beackerte die Kessel mit Schmackes. Bei dem ganzen Spaß auf der Bühne entstand allerdings nicht das kleinste Soundloch.

Die Jungs sind nicht nur lange dabei, sondern auch richtige Profis, denen zu unrecht das ewige Image der Sauf-Kapelle anhängt. Denn merke: Nur wer Saufen UND Spielen so mit Wucht und Spaß unter einen Hut bringt und dabei eigentlich immer sympathisch rüberkommt, ist METAL, auch wenn´s natürlich Besseres gibt, als ein Eintracht-Fan zu sein (*hüstel*). Das nur am Rande, sonst zwangspeitscht Kollege Marco Knöll mich beim nächsten Treffen.

Zurück zu TANKARD: Die gaben dem Publikum einen Brecher nach dem anderen und holzten sich durch das GANG GREEN-Cover "Alcohol"... gaben "Maniac Forces" in einer Killer-Version zum Besten, ließen das Publikum bei "The Morning After" völlig hohldrehen und bei "Freibier" lauthals mitsingen.
In die ganze Reihe von absoluten Müssern bei einer TANKARD-Show integrierten sich "New Liver Please" und der Fast-Schon-Klassiker "Rectifier" (beide von "B-Day" /2002) nahtlos. Zur letztgenannten Kategorie muss auch der völlig geniale Thrasher "Die With A Beer In Your Hand" vom aktuellen Output "Beast Of Bourbon" gezählt werden.

Wenn Gerre so augenzwinkernde Textzeilen wie "Sword Held Higher, Who´s The Liar, I Got The Beer Of Fire"in Richtung etlicher Schwertfuchtel-Schwuch- tel-Kapellen schickt, schmeckt das Bier noch einmal so gut. Aber auch "Slipping From Reality" und "Beyond The Pubyard", ebenfalls beide vom neuen Opus, wurden lauthals mitgegröhlt und abgefeiert. Zwischendrin rieb Gerre immer mal wieder seine Wampe an Stagedivern oder petzte über die sexuelle Neigung des Roadies. Zum Schluss gab´s dann natürlich noch den Hit schlechthin, nämlich "(Empty) Tankard" bevor die Krüge im Publikum nach der Show wieder mit Gerstensaft gefüllt wurden.

Geiles Konzert, besser geht´s fast nicht. Doch ... halt, es wäre freilich noch besser gegangen, nämlich wenn TANKARD statt einer lahmen Stunde wenigstens 80 bis 90 Min. zugestanden worden wären, denn wenn ich mich nicht verhört habe, wurde aus der Zeit von 1994 ("Two-Faced") bis 2000 ("Kings Of Beer") kein einziges Lied gespielt. Mit "The Tankard" (1995) und "Disco Destroyer" (1998) macht das vier Alben, die nicht berücksichtigt wurden. )

GRAVE DIGGER
Tja! Und dann war es mal wieder soweit: GRAVE DIGGER-Keyboarder Hans Peter Kratzenburg schlich im Reaper-Outfit auf die Bühne, mimte ein wenig den grimmigen Schnitter und verschwand dann hinter den Tasten, um die Stage für Onkel Chris Boltendahl & Co. freizugeben. Für meinen Geschmack war der Titel-Track des neuen Albums "Rheingold" allerdings kein optimaler Einstieg, weil der Chorus gegenüber der Studio-Version doch arg schwachbrüstig klang. Und weil ich gerade am Meckern bin: Der Gitarren-Sound von Manni Schmidt fräste zwar schön laut und fies, aber bei jedem Solo klang die Band doch etwas dünn. Live wäre vielleicht ein zweiter Gitarrist sinnvoll. So, das war´s jetzt aber, denn eigentlich gab es mal wieder nichts zu meckern am GRAVE DIGGER-Gig. Mit "The Grave Dancer", "Circle Of Witches" und "Heart Of Darkness" gab´s gleich in der ersten Konzerthälfte drei Titel vom "Heart Of Darkness"-Album (1995). Onkel Chris war gut drauf und bewegte sich viel auf der kleinen Bühne, schüttelte Hände oder grinste einfach nur wie ein Honigkuchenpferd aufgrund der Fan-Reaktionen. 

Die waren zwar nicht mehr ganz so enthusiastisch wie bei TANKARD, aber gemessen an der fortge- schrittenen Stunde immer noch absolut ordentlich. Bei der Setliste auch kein Wunder, denn die Grab- schaufler gaben den Fans einen ordentlichen Querschnitt ihres bisherigen Schaffens. "Lionheart" und "Knights Of The Cross" und vom gleichnamigen Album (1998) sowie"The Dark Of The Sun", "Scotland United"und "Rebellion (The Clans Are Marching)" vom Hit-Album "Tunes Of War" (1996) wurden lauthals mitgegröhlt. Für mich überraschend feuerten GRAVE DIGGER mitten im Set plötzlich "Witchhunter" (1985) in die Menge. Das ich das noch mal erleben durfte (*schnüffz*). Schließlich war der Titel-Song vom Zweitwerk der Combo lange aus dem Live-Programm verschwunden gewesen. "Valhalla" vom neuen Werk setzte dann wieder den Kontrastpunkt zu den neuen GRAVE DIGGER. Trotz seines Ohrwurm-Charakters nahm "Morgane Lefay" ("Excalibur" /1999) die Stimmung etwas raus, was aber "The Grave Digger" wieder wett machte. Der Song gehört langsam aber sicher in die Abteilung Klassiker, auch wenn das zugehörige Album von 2001 untypisch für die Band war. 

Für mich ist und bleibt es die beste GRAVE DIGGER-Platte seit "The Reaper" /1993 ... basta. "Excali- bur" war noch zu hören und brachte die Gruppe auf fast zwei Stunden Spielzeit. Aber einige Songs blieben unbeachtet. "Shoot Her Down" von der gleichnamigen Maxi-Single (1984) zum Beispiel oder "Shadows Of A Moonless Night" von "The Reaper" , die ersten beiden Alben komplett und und und. Bei ei- nem Backkatalog wie ihn GRAVE DIGGER mittlerweile haben, hat wohl jeder im Publikum den einen oder anderen Song vermisst ... bleibt halt nicht aus. Aber natürlich wäre die "Live-Aren" von den Fans zu kleinen handlichen Stückchen geschreddert worden, wenn die Band von der Bühne gegangen wäre, ohne DEN Grabschaufler-Song schlechthin zu spielen: "Heavy Metal Breakdown" brachte die Meute noch mal gehörig in Wallung und stellte noch mal einen letzten Härtetest für Stimmbänder und Nackenmuskeln dar. Und nach so einem Abschluss ist sowieso jedes Konzert gut, also Daumen hoch für Onkel Chris und Daumen hoch für´s erste "Moona Metal"-Festival, auch wenn´s noch in der Halle war. Aber so haben schon ganz andere Festivals angefangen.
(Thomas - 06/2004)