Manche Bands
rennen unter dem Deckmäntelchen der Weiterentwicklung jedem angesagten
Trend hinterher, manche Bands werden mit zunehmendem Alter immer softer
beziehungsweise angepaßter und wieder andere Bands ziehen ihr Ding
unbeirrt von allen Geschehnissen um sie herum durch. Und genau zu dieser
letzten Spezies Musiker gehören auch die Frankfurter Thrash-Veteranen
von TANKARD, die seit nunmehr einem viertel Jahrhundert die Metal-Szene
unsicher machen und sich dabei nie um kommerzielle Aspekte geschert haben.
Fun, Bier und jede Menge Krach waren und sind nach wie vor die elementaren
Bausteine der Band-Philosophie beziehungsweise des Band-Sounds, und mit
dieser Mischung fahren Andreas „Gerre“ Geremia und Co. sehr
gut!
Zum 25-jährigen Bandjubiläum veröffentlicht das Quartett
dieser Tage nun mit ‘Best Case Scenario - 25 Years In Beer’
ein ganz besonderes Best-Of-Album, das zum einen neu eingespielte Bandklassiker
enthält, und zum anderen von befreundeten Formationen wie etwa SACRED
STEEL, PARAGON oder ABANDONED dargebotene Interpretationen einiger TANKARD-Songs.
Klasse Sache, die die Festlichkeiten zum Wiegenfest perfekt abrundet.
Wir ließen uns diesbezüglich natürlich auch nicht lumpen
und beschritten den bisherigen Weg der Formation auszugsweise noch einmal
mit den beiden verbliebenen Gründungsmitgliedern Gerre und Frank
Thorwarth (b). Daß es dabei nicht immer, ähem, bierernst zuging,
bedarf hier wohl keiner besonderen Erwähnung mehr. Also: Laßt
euch nieder, genehmigt euch die eine oder andere Gerstenkaltschale und
schmunzelt mit uns über so manchen Schwank aus dem Leben der hessischen
Krawallbrüder.
Schulfreundschaften
Die Geschichte der Band beginnt eigentlich bereits im Kindesalter sämtlicher
(anfangs) Beteiligten. Denn wie früher üblich, fanden Musikinteressierte
noch unter normalen Umständen beziehungsweise in alltäglichen
Lebenssituationen zueinander und wurden nicht von windigen Marketingmenschen
zusammengecastet, wie das heutzutage immer öfter der Fall ist. „Gerre
und ich kennen uns bereits seit dem Tag unserer Einschulung“, holt
Bassist Frank Thorwarth, das neben Gerre einzig verbliebene Ur-Mitglied
im TANKARD-Konglomerat, aus. „Unsere „Grundschul-Beziehung“
war dabei irgendwie nichts Außergewöhnliches. Es gab Zeiten,
in denen wir uns prächtig verstanden haben, und es gab Zeiten, in
denen wir uns gegenseitig aufs Maul gehauen haben - Kids eben.“
„Als wir in die zweiten Klasse kamen, hätte uns das Schicksal
aber fast einen Strich durch die Rechnung gemacht“, schaltet sich
Szene-Original Gerre ein. „Meine Mutter kam auf das schmale Brett,
nach Nied, also in einen anderen Stadtteil von Frankfurt zu ziehen, was
natürlich zur Folge hatte, daß ich auch die Schule wechseln
mußte. Allerdings fand ich die Penne richtig scheiße und hab
dort jeden Tag Rotz und Wasser geflennt, so daß meine Mutter irgendwann
genug von dem Spektakel hatte, in meiner alten Schule auflief und mit
dem dortigen Rektor aushandelte, daß ich - trotz anderer Wohngegend
- wieder zurück an meine „alte Wirkungsstätte“ kommen
durfte. Was ein Gefühl das war! All die gewohnten Nasen waren auf
einmal wieder da und mir ging es mit einem Schlag wieder gut! So gesehen
ist meine Mutter sogar Schuld daran, daß TANKARD überhaupt
entstanden sind. Hätte sie damals darauf bestanden, daß ich
in Nied zur Schule gehe, hätte ich Frank und meine anderen zukünftigen
Mitstreiter wohl nie mehr zu Gesicht bekommen.“ Das nennt man wohl
eine „glückliche Fügung des Schicksals“. Denn nach
ein paar weiteren gemeinsamen Jahren fand sich auf dem Frankfurter Goethe
Gymnasium die erste Bandbesetzung, zu der neben Frank auch Axel Katzmann,
Oliver Werner sowie Bernhard Rapprich gehörten.
Aufbruchsstimmung
Bis es zur finalen Bandgründung kam, mußte allerdings noch
eine ganze Menge Wasser den Main hinunterfließen. Der Weg hin zu
diesem „konspirativen Zusammenschluß kopfschüttelnder
Jugendlicher“ war noch ein sehr weiter und steiniger, denn in den
späten Siebziger Jahren regierten auch in den hessischen Schulen
vornehmlich Musikgeschmäcker die Köpfe der Kiddies, die sich
Härtegrad-technisch zwischen ABBA und den BAY CITY ROLLERS oder SMOKIE
abspielten. „Ich kann mich noch gut daran erinnern“, holt
Frank aus, „wie wir seinerzeit eine Klassenfahrt in den Odenwald
unternommen haben und Gerre und ich uns ständig auf meinem miesen
kleinen Mono-Kassettenrecorder ein Tape anhörten, das er kurze Zeit
zuvor beim amerikanischen Radiosender AFN mitgeschnitten hatte, und auf
dem sich auch ein Song Namens ‘Riff Raff’ befand. Wir hatten
zwar keine Ahnung, um welche Band es sich dabei handelte, aber der Sound
hatte es uns angetan! Unsere Mitschüler erklärten uns für
verrückt, weil wir uns so ein Zeug anhörten, aber das war uns
ehrlich gesagt scheißegal!“ Der Zufall wollte es dann auch,
daß die beiden Jungspunde nur ein paar Tage nach der besagten Klassenfahrt
erneut auf das Lied stießen und plötzlich wußten, wer
hinter der Geschichte steckte. „Ich war mal wieder mit meiner Mutter
in der Stadt zum Einkaufen unterwegs, als ich in einem Laden eine Platte
mit einem absolut abgefahrenen Cover in die Finger bekam - ‘If You
Want Blood, You’ve Got It’“, schwelgt Meister Thorwarth
in Erinnerungen.
„Die Scheibe hat uns dann auch endgültig infiziert“,
schiebt Gerre nach. „SMOKIE waren abgehakt, stattdessen regierte
die gerade aufkommende New Wave Of British Heavy Metal unsere Kinderzimmer,
hahaha.“ Logisch, daß sich diese Begeisterung, dieser Enthusiasmus
für das Neugefundene, nicht nur in den elterlichen vier Wänden
abspielte. Auch die ersten Konzerte wurden von den jungen Frankfurtern
besucht. Während sich Gerre noch relativ gesittet als 14-jähriger
zu seiner „livehaftigen Entjungferung“ ins „Feindesgebiet“,
nämlich die Offenbacher Stadthalle wagte, um sich SAXON zusammen
mit den Holländern PICTURE reinzupfeifen, blieb Frank den heimischen
Gefilden treu. „Ich weiß nicht mehr genau, ob das jetzt 1979
oder 1980 war, aber das spielt im Endeffekt auch keine Rolle. KISS spielten
damals jedenfalls mit IRON MAIDEN als Vorgruppe auf dem Rebstock-Gelände
bei uns um die Ecke und da mußte ich natürlich hin. Zu meinem
Glück arbeitete ein Cousin von mir bei dem Konzert als Ordner, so
daß er mir eine Karte für lau besorgen konnte - so weit, so
gut. Allerdings hat er dieses Ticket meiner Tante gegeben, die sie mir
mitbringen sollte, aber die gute Frau hatte natürlich nichts Besseres
zu tun, als die Hose, in der sie das Ding verstaut hatte, zu waschen.
Ganz klar, daß die Eintrittskarte danach nur noch in Bruchstücken
vorhanden war und der kleine Herr Thorwarth etwas betröppelt aus
der Wäsche geguckt hat, hahaha. Aber dickköpfig wie ich nun
einmal war, wollte ich mir den Spaß natürlich nicht verderben
lassen, ging am Tag X zu dem Konzert und sorgte am Eingang erst einmal
für Mordsaufruhr. Die Security war vom Anblick der Kartenreste verständlicherweise
nicht sehr angetan und wollte mich auch zuerst abwimmeln, aber irgendwann
hatten die Herrschaften doch noch ein Einsehen und ließen mich aufs
Gelände. Danach nahm das Unheil dann erst richtig seinen Lauf, hahaha.“
Kellerasseln
1982 war ein Jahr, in dem viele Weichen gestellt wurden. Branko Zebec,
der viel gescholtene Fußball-Trainer mit Hang zum Alkohol, wurde
am 19. September als Nachfolger des österreichischen Eintracht Frankfurt-Coachs
Helmut Senekowitsch präsentiert, am 1. Oktober mußte Helmut
Schmidt aufgrund eines Mißtrauensvotums seinen Bundeskanzlerposten
an Helmut Kohl abtreten und Axel Katzmann sowie Bernhard Rapprich hatten
bei ein und demselben Gitarrenlehrer Unterricht - was ihren Mitmenschen
bald schon zum „Verhängnis“ werden sollte. Bei dieser
Gelegenheit beschlossen die beiden Nachwuchs-Saitenquäler nämlich
ziemlich rasch, daß sie zukünftige musikalische Aktivitäten
gerne zusammen angehen würden und luden kurzerhand die Herren Werner
und Thorwarth zur ersten gemeinsamen Probe im Haus von Axels Eltern ein.
„Ich hatte damals sogar noch den Posten des Sängers inne“,
erinnert sich Frank mit einem fetten Schmunzeln im Gesicht. „Obwohl
man das, was ich fabriziert habe, nicht wirklich als „Singen“
titulieren konnte, hahaha.“ Was wohl eine sehr realistische Einschätzung
der damaligen Situation ist, denn kurz nachdem der trommelnde Klassenkamerad
Oliver „O.W.“ Werner zu dem Trio gestoßen war, wurde
auch Herr Geremia angeworben - allerdings ursprünglich unter anderen
Vorzeichen. „Gerre sollte eigentlich den Bassisten-Part in unserer
Band übernehmen, denn der Posten war ja noch zu vergeben, und Gerre
nun einmal unser bester Kumpel“, erzählt Frank. „Ich
hatte von dem Instrument natürlich keinen blassen Schimmer, so daß
ich zwangsläufig Unterricht nehmen mußte“, resümiert
der seinerzeit „Eingespannte“. „Allerdings hatte ich
keinen Bock, die Sache alleine anzugehen und so habe ich Frank zur Mittäterschaft
„verdonnert“, was im Nachhinein betrachtet eine weiße
Entscheidung von mir war. Denn schon nach ein paar Unterrichtsstunden
hat sich herauskristallisiert, daß Frank in dieser Richtung viel
begabter war als ich.“ „Ich war da wirklich mit wachsender
Begeisterung dabei, habe mir an manchen Tagen regelrecht die Finger blutig
gespielt und danach die besagten Stellen mit Superkleber „abgedichtet“,
um weiterspielen zu können“, weiß der am Bass „kleben
gebliebene“ Musiker zu berichten. „Die nötige Hornhaut
hatte sich damals einfach noch nicht gebildet, so daß solche Maßnahmen
für einen Besessenen wie mich schlicht und ergreifend notwendig waren.“
Die Tatsache, daß Frank fortan dem Baß in der noch namenlosen
Schülercombo bedienen sollte, öffnete jedoch auch Gerre neue
Chancen bei dem Haufen, übernahm er doch zu diesem Zeitpunkt die
Rolle des singenden Frontmanns. „Als wir neulich die Best Of-CD
geplant haben, habe ich mich auch auf die Suche nach unserem allerersten
Song gemacht, der noch irgendwo bei mir zuhause auf einem Tape herumfliegen
muß und bin dabei auf einige „Schätze“ aus den
Anfangstagen gestoßen“, kann Gerre sich einen Lacher nicht
verkneifen. „Was für ein Krach und vor allem: was für
eine Schreierei am Mikro. Klassiker hören sich wahrhaftig anders
an, hahaha.“ Den besagten ersten Song, der übrigens ‘Ray
Death’ hieß und laut Gerre „wie alle Songs damals vom
Atomkrieg beziehungsweise dem damit verbundenen Strahlentod handelte“,
haben Frank und Axel Katzmann kurz nach seiner Kreation voller Stolz auch
dem ehemaligen Gitarren-Lehrer vorgespielt, der das Stück mit dem
Kommentar „Jetzt bin ich aber doch ziemlich enttäuscht“
aburteilte. Die beiden trugen es mit Fassung und gingen ihren Weg unbeirrt
weiter.
Kirchgänger
Ostern 1982 gilt heute als das offizielle Gründungsdatum von TANKARD,
weil „ich bei dieser Gelegenheit meinen ersten eigenen Verstärker
bekam und die Sache somit ernst wurde“, lacht Frank. Als Proberaum
guckte sich die Band dann auch ziemlich schnell neue Räumlichkeiten
aus, die jedoch ausgerechnet im Heizungskeller der Frankfurter Matthäus-Kirche
lagen. „Ich weiß gar nicht mehr, wer das damals eingefädelt
hat“, grübelt Gerre, „aber das dürfte wohl auf die
Rechnung von Axel Katzmann gegangen sein, der schräg gegenüber
wohnte. Egal, der noch recht junge Pfarrer hatte jedenfalls nicht dagegen,
daß wir in seinen heiligen Katakomben lärmten.“ Recht
obskur war die Angelegenheit dennoch, denn selbst Oliver Werners Schlagzeug
mußte jedes Mal auf- und abgebaut werden und so manchen hausinternen
Kellereinschluss gab es auch zu verbuchen. „Es passierte hin und
wieder schon mal, daß die Kirchenjungs uns da unten vergessen und
die Hütte abgesperrt haben. Dann mußten wir eben durch die
Fenster eines direkt angeschlossenen Kindergartens nach draußen
klettern. Aber damals waren wir ja noch jung und gelenkig, hahaha.“
Bei diesen regelmäßigen Besuchen im Proberaum entstanden auch
die ersten eigenen Songs (Gerre: „Coverversionen kamen damals nicht
in Frage für uns!“), die ab und zu neugierigen Schulfreunden
vorgespielt wurden, die jedoch noch keine Begeisterungsstürme hervorrufen
konnten. „Gerade ‘Ray Death’ war wirklich scheiße“,
klopft sich Herr Geremia rückblickend auf die Schenkel. „Das
war so ein typisch BLACK SABBATH-beeinflußtes Stück, das viel
zu langsam war, aber irgendwie waren wir trotzdem stolz wie Nachbars Lumpi,
endlich eigenes Material vorweisen zu können.“ Dennoch machten
sich schon in der frühen Phase die ersten Abnutzungserscheinungen
bemerkbar im Hause TANKARD, verließ Gründungsmitglied Bernhard
Rapprich die Band doch schon bevor es richtig losging. „Der Bernie
kam recht selten zu den Proben, was uns schon reichlich suspekt war“,
versucht Frank die damaligen Geschehnisse zu rekonstruieren. „Er
hatte dann immer irgendwelche obskure Ausreden am Start, aber ich denke
mal, daß das vor allem an seinem alten Herrn lag, der ein ziemlicher
Spießer war und der nie damit zurecht kam, daß sein Sohn mit
solchen Asseln wie uns abhing. Der hatte ihm sogar zur Auflage gemacht,
daß er nur E-Gitarren-Unterricht nehmen dürfte, wenn er gleichzeitig
auch lernt, auf einer Oboe zu spielen, hahaha. Na ja, die Sache hatte
sich dann auf jeden Fall für ihn erledigt und wir mußten uns
nach einem neuen Mitstreiter umsehen.“
Die Suche nach einem neuen Gitarristen verlief dabei gar nicht mal so
schwer, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte. Denn mit dem
ein Jahr älteren Andy Bulgaropulos war schnell ein Gleichgesinnter
ausgemacht, der Rapprichs Posten übernehmen konnte. „Andy war
ein Jahr älter und ging dementsprechend in eine höhere Klasse
als wir“, blickt Bassist Frank zurück. „Zuerst hatten
wir deshalb Bammel ihn anzusprechen, aber irgendwann nahmen wir uns ein
Herz, sprachen ihn auf sein AC/DC-Shirt an und luden ihn zu einer gemeinsamen
Probe ein.“ Wie mittlerweile bekannt ist, ließ sich Bulgaropulos
darauf ein, folgte dem Ruf der Chaoten-Truppe in den Proberaum und schon
war die Mannschaft wieder komplett!
Live-Premiere
Mit dem runderneuerten Line-up gaben die Jungs Gas, probten was das Zeug
hielt und wollten am 28. Mai 1983 endlich Bühnenluft schnuppern.
Im Rahmen eines Schulfestes sollte es zur öffentlich-musikalischen
Entjungferung der fünf lustigen Thrasher kommen, doch im Gegensatz
zu den massentauglichen RODGAU MONOTONES durften Gerre und Co. nicht in
der Aula der Penne lärmen, sondern mußten sich mit dem eigenen
Klassenraum zufrieden geben, wie der Schreihals erzählt. „Ich
habe zu der Zeit selbst noch aktiv Fußball gespielt und an dem besagten
Tag unseres ersten Auftritts, hatten wir vormittags ein Turnier, in dessen
Verlauf ich im Elfmeter-Schießen kläglich versagt und den Ball
übers Tor gejagt habe - was für ein mieser Auftakt. Aber der
eigentliche Gig sollte dann schon besser werden. Wir haben uns Bier in
Milch-Tüten umgefüllt und schön unser Programm heruntergeschreddert,
hahaha. Ein paar unserer Mitschüler haben das Feld ziemlich rasch
geräumt, aber es gab auch einige, die sich das Spektakel bis zum
Schluß gegeben haben. Wir mußten gegen Ende hin sogar vier
bereits gespielte Stücke noch einmal bringen, weil wir einfach noch
nicht genügend Material zusammen hatten.“ Dieser solide Live-Grundstein
sollte allerdings bereits beim nächsten Konzert schon wieder erschüttert
werden, führte bei dieser Gelegenheit doch sogar ein Mißverständnis
zum Verlust des Proberaumes. „Wir hatten mittlerweile unser erstes
Demo ‘Heavy Metal Vanguard’ im Proberaum eingesemmelt, auf
dem bekanntlich auch der ein oder andere Song gegen, hüstel, „Metal-feindliche
Gruppierungen wie Breakdancer, Popper, etc.“ enthalten war“,
schwelgt Gerre in Erinnerungen. „Bei unserem zweiten Auftritt Anfang
März 1984, der praktisch ein Karnevals-mäßiges Heimspiel
in der Matthäus-Gemeinde war, kam es zu einem kleinen Eklat, als
die Kirchenvertreter unseren Spruch „alle Poppers müssen den
Saal verlassen“ mißverstanden und anstelle der Poppers „Papas“
setzten, hahaha. Darüber konnten die Herrschaften gar nicht lachen
und kündigten uns sowohl die Freundschaft als auch den Proberaum
im Keller der Kirche.“ Dumm gelaufen, aber wie der spätere
Eintracht Frankfurt-Trainer Dragoslav Stepanovic zu sagen pflegte: Lebbe
geht weiter!
Bei TANKARD standen in naher Zukunft neben einigen Konzerten (unter anderem
am 23.September 1984 mit SODOM und DESTRUCTION in Frankfurt-Sindlingen)
vor allem die Aufnahmen zum zweiten Demo auf dem Programm. Wesentlich
besser produziert als ‘Heavy Metal Vanguard’ machte bereits
der Titel des Teils klar, um was es sich bei den Hessen in den nächsten
Jahren drehen sollte: ‘Alcoholic Metal’! „Damals hat
doch jeder seine eigene Metal-Sparte erfunden“, meint Gerre dazu.
„Thematisch haben sich die Lieder zu der Zeit noch gar nicht so
viel mit dem Suff beschäftigt, aber der Titel gefiel uns einfach
so gut, daß er schließlich Programm wurde, hahaha.“
Zudem machte die in unendlicher Heimarbeit selbst kopierte Kassette zum
ersten Mal weitreichender auf die Truppe aufmerksam. Die ersten wohlwollenden
Reviews erschienen und Gerre, dessen Adresse in diesen Demo-Besprechungen
abgedruckt war, konnte sich vor Post-Gängen gar nicht mehr retten.
„Das Tape haben wir seinerzeit auch richtig zelebriert“, lacht
Frank. „Als das Ding endlich fertig war, haben wir uns beim Plus-Markt
einen Einkaufwagen geschnappt, das Teil mit Dosenbier voll gemacht und
uns in die Taunusanlage mitten in Frankfurt gesetzt und unser Demo mit
voller Lautstärke aus dem Ghettoblaster rauschen lassen. Der Park
war damals noch weit von seinem heutigen Drogenruf entfernt und da hat
das noch richtig Spaß gemacht.“
Vertragsabschluß
Das zweite Demo sorgte nicht nur bei den einschlägigen Magazinen
und den Fans für Aufsehen, sondern rief auch die ersten Plattenfirmen
auf den Plan. Neben einigen Absagen, hatten TANKARD nämlich bald
auch einen Brief des Berliner Noise-Labels im Briefkasten, in dem die
zuständigen Menschen laut Gerre „irgendwas von einer authentischen
Speed Metal-Combo faselten. Ich traf Karl Walterbach, den Chef der Firma,
dann kurze Zeit später bei einem Konzert von MÖTLEY CRÜE
und RUNNING WILD in der Offenbacher Stadthalle und da hat der Gute mir
erst einmal Feuer gegeben, weil meine Harre für einen Metal-Musiker
nicht lang genug seien, hahaha. Richtig abgeschreckt scheint ihn mein
Erscheinungsbild dabei allerdings nicht zu haben, denn ohne großartige
weiteren Verhandlungen hatten wir ein paar Tage später einen Vertrag
der Firma in der Post. Das Ding haben wir dann standesgemäß
in eine Kneipe im Frankfurter Bahnhofsviertel geschleppt und nach einigen
Bierchen einfach unterschrieben. Verstanden haben wir ohnehin nichts von
dem, was da geschrieben stand, aber letztendlich ging ja alles gut“,
klopft sich der Frontmann unter schallenden Gelächter auf den Oberschenkel.
Die Company wollte dann auch direkt Futter bei die Fische tun und TANKARD
im April 1986 ins Studio nach Berlin schicken, aber da Frank, Axel und
O.W. zu diesem Zeitpunkt noch mit ihrem Abitur beschäftigt waren,
verschob sich die Sache auf die Sommermonate. „Direkt einen Tag
nach der Abi-Fete ging es los nach Berlin zu Harris Johns ins Studio,
um unser Debüt ‘Zombie Attack’ einzuspielen“, schmunzelt
Frank. „Und diesen Aufenthalt hat glaube ich keiner der Beteiligten
bis zum heutigen Tag vergessen. Für uns Kiddies war das Ganze eher
wie eine Klassenfahrt, auf der wir uns richtig daneben benommen haben,
hahaha. Das erste Mal weg vom behüteten Elternhaus und richtig die
Sau raus lassen - dumme Buben auf Wahnsinns-Tour könnte man sagen!
Die Zimmer der Pension in der wir während den Aufnahmen gehaust haben,
wurden jedenfalls völlig platt gemacht, die Betten in Schränke
gesmashed, die Lampen mit Dosenbier von der Decke geholt, Ravioli auf
der Bude gekocht und die Reste untern Teppich gekippt. Asozial ist für
unser damaliges Benehmen eigentlich gar kein Ausdruck mehr. Der Höhepunkt
war erreicht, als wir irgendwann abends mal die Fassade hochgeturnt sind,
weil O.W. bereits mitsamt dem Zimmerschlüssel zuhause war und diese
Spelunke weder eine Klingel noch einen Nachtportier hatte. Als ich dann
oben angekommen war, das Fenster aufstoßen wollte, hat der Typ,
dem der Laden gehörte, mit der Gasknarre auf mich geschossen. Der
war gar nicht begeistert von uns und irgendwann hat er uns dann auch rausgeschmissen.
Seitdem durften auch keine Noise-Bands mehr bei ihm einchecken, hahaha.“
Wie dem auch sei, der Trubel hatte sich gelohnt, denn schließlich
fanden sich mit ‘Mercenary’, dem Titelsong, ‘(Empty)
Tankard’ oder ‘Poison’ einige der ersten Band-Perlen
auf der Scheibe wieder, die bis heute zum Live-Programm der Band gehören
und nach wie vor für fantastische Stimmung sorgen. Als die Scheibe
schlußendlich veröffentlicht wurde, mehrten sich logischerweise
auch die anfallenden Arbeiten abseits der Bühne, sprich Merchandise-
und diverse andere Business-Angelegenheit, so daß die Band kurzerhand
Gerres Stadion-Bekanntschaft Buffo Schnädelbach zum Manager erhoben,
der seinen Amtsantritt bei einem Konzert am 25.Oktober 1986 im Frankfurter
Südbahnhof feierte. „Der Auftritt ist mir noch sehr gut in
Erinnerung“, denkt Herr Thorwarth zurück, „allerdings
nicht nur aufgrund des besagten Einstandes von Buffo, sondern auch weil
wir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal mit DEATHROW in Berührung
kamen, mit denen wir in den folgenden Jahren noch des Öfteren Touren
sollten. Wir kannten die Herrschaften wie gesagt noch nicht vor diesem
Tag, waren aber total angetan von einem der mutmaßlichen Musiker,
der sich schon mittags literweise Wodka in den Hals leerte. Axel Katzmann
und ich konnten einfach nicht glauben, daß die Typen mehr schlucken
als wir und so sind wir ans nächstbeste Kiosk, haben uns ebenfalls
eine Pulle Kartoffelschnaps geholt und das Ding vernichtet. Später
stellte sich heraus, daß der relevante Typ nur ein mit angereister
Bandkumpel war. Wir standen mit verdammt langen Gesichtern und rotzbesoffen
auf der Bühne, hahaha.“
Durchbruch
Für ein Debüt verkaufte sich ‘Zombie Attack’ ganz
annehmbar, dennoch wollten die Frankfurter in der Folgezeit natürlich
verstärkt Gas geben, um ein erfolgreicher Teil der in voller Blüte
stehenden Thrash Metal-Bewegung zu werden. Also legte man für das
zweite Werk ‘Chemical Invasion’ noch ein paar Briketts nach,
komponierte erstklassige Songs wie ‘Tantrum’, ‘Don’t
Panic’ oder eben ‘Chemical Invasion’ und ging auch beim
Drumherum in die Vollen. „Schon vor den eigentlichen Aufnahmen zur
zweiten Platte gab es in Berlin mächtige verbale Gefechte zwischen
Buffo und Karl Walterbach, weil unser Manager einfach der Ansicht war,
daß da Promotion-mäßig viel mehr laufen müßte
für TANKARD. Das schaukelte sich dermaßen hoch, daß Walterbach
irgendwann herumschrie, er werde dafür sorgen, daß Buffo nicht
mehr fürs Rock Hard schreiben dürfe, hahaha. Die zwei Streithähne!“
Anyway, es kam auf jeden Fall Bewegung in das ganze Unternehmen. Angestachelt
vom genialen ‘Mad Butcher’-Coverartwork der Kollegen DESTRUCTION,
sicherten sich auch TANKARD die Dienste des grandiosen Zeichners Sebastian
Krüger und ließen sich von ihm ein Gemälde maßschneidern,
das zum ersten Mal die Vorliebe der Band für reinheitsgebottreue
Gerstenkaltschalen manifestierte - fight for your right to drink pure
beer! Bei den Anhängern kam die Mischung aus knallharten Thrash Riffs,
punkiger Kompromißlosigkeit und den kultigen Lyrics prima an. Die
Scheibe wanderte rund 35.000-mal über die Ladentheke und auch die
auf die Veröffentlichung folgende Tour mit DEATHROW im Frühjahr
1988 wurde zu einem regelrechten Triumphzug. „Bei den Konzerten
handelte es sich ja um unsere erste richtige Tour und wir waren völligst
geplättet von dem was da abging“, begibt sich Gerre auf Zeitreise.
„Als beispielsweise in der Bochumer Zeche 1000 oder 1200 Leute aufliefen,
fielen wir echt aus allen Wolken - das war der Hammer und mit Abstand
die erfolgreichste Tournee, die wir jemals gemacht haben.“ Eine
klasse Erfahrung für die Bandmitglieder, die damals bis auf Andy
Bulgaropulos allesamt in Ausbildungen beziehungsweise im Ableisten des
Zivildienstes verstrickt waren, allerdings eine weniger berauschende für
den Busfahrer, der mit dem Zinnober, den seine Fahrgäste veranstalteten,
gar nicht zu recht kam. Eine Party folgte der anderen und die erste Tour
im Nightliner wurde ausgiebig genossen, so daß der genervte Mann
am Steuer schon nach ein paar Dates seinen Job kündigen wollte. Wehe,
wenn sie losgelassen…
Nachgelegt
Die euphorische und erfolgreiche Zeit sollte nach der besagten Tour natürlich
nicht einfach so verpuffen und so schickten Noise TANKARD direkt wieder
ans Werk. Genügend Zeit zum kreieren der neuen Stücke hatten
die Musiker jetzt auch, denn mit dem sich einstellenden Erfolg entledigten
sie sich ihrer regulären Jobs, schrieben sich an der Uni ein oder
hielten, so wie Frank Thorwarth, die Füße erst einmal komplett
still. „An dem Tag, als ich meine Gesellenprüfung zum Autoschlosser
in der Tasche hatte, kündigte ich in dem Laden und ließ es
mir das ganze Jahr 1988 einfach nur gut gehen“, erinnert sich der
„Herr der Viersaitigen“. „Rückblickend kann ich
heute gar nicht mehr glauben, was wir damals getrieben haben. Weder Kranken-
noch Sozialversichert lebten wir in den Tag hinein ohne nachzudenken,
was passieren könnte. Ich wohnte zu dem Zeitpunkt noch bei meiner
Mutter und habe jeden Monat gut und gerne 1.500 Mark in die Kneipe getragen,
hahaha. Unglaublich!“ „Und wehe es hat jemand vor vier Uhr
nachmittags gewagt Frank zu wecken“, führt Gerre die Geschichte
weiter aus. „Da konnte er gar nicht drüber lachen…“
Nichtsdestotrotz hatte die Band bis zum Spätsommer genügend
Material zusammen, um erneut im Berliner Musiclab Studio einzufallen und
unter der Leitung von Harris Johns die nächste Langrille ‘The
Morning After’ einzutüten. Das gelungene Teil setzte die bekannte
Linie fort, kredenzte der Anhängerschaft mit dem Titeltrack, ‘MonCheri’,
dem SPERMBIRDS-Cover ‘Try Again’ oder ‘Shit-Faced’
(welches den erwähnten Aufenthalt in dem Berliner Hotel während
den Aufnahmen zum Debüt-Album thematisierte) einige wunderbare Hymnen
und konnte verkaufspolitisch nicht weniger punkten als der schmucke Vorgänger.
Da Axel Katzmann zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von ‘The
Morning After’ noch in seine Ausbildung verstrickt war, spielte
man nur einige handverlesene Gigs und verschob die richtige Tournee auf
Anfang ’89. „Ende 1988 haben wir zwar nur noch wenige Konzerte
gespielt, dafür waren die dann umso kultiger“, lacht Gerre.
„Wir fuhren beispielsweise ein 4-Tage-Spektakel zusammen mit den
DIMPLE MINDS, VENDETTA und HELSTAR, was richtig klasse war. Zu der nächsten
richtigen Tour, die wieder einmal mit DEATHROW im Schlepptau im März
und April 1989 stattfand, veröffentlichte unsere Plattenfirma dann
die ‘Alien’-EP, die praktisch in einem Zug mit ‘The
Morning After’ entstand und die neben vier eigenen Songs eine Coverversion
von ROSE TATTOOS ‘Remedy’ enthielt.“
Trommlertausch
Die besagte ‘Alien’-EP beziehungsweise die zeitgleich erschienene
und ursprüngliche nur für den englischen Markt konzipierte Best
Of-Scheibe ‘Hair Of The Dog’ stellten so etwas wie den Schlußpunkt
unter der Zusammenarbeit zwischen O.W. und dem Rest des TANKRAD-Haufens
dar, verließ der Schlagzeuger die Band doch Anfang ’89 und
wurde von Arnulf Tunn ersetzt. „Ich denke mal, daß Oliver
Werner schlicht und ergreifend die Schnauze von unserem Benehmen voll
hatte“, grinst Mikrowürger Gerre. „Dem Guten war das
irgendwann wohl zu unprofessionell und zu „feucht“, hahaha.“
„Rückblickend wundert es mich sowieso, daß es O.W. und
vor allem auch Andy es so lange mit uns ausgehalten haben“, fügt
Frank hinzu. „Die beiden haben auch mal zwei, drei Bier getrunken,
aber dann war’s auch gut. Gerre ging zu der Zeit auch noch, aber
der Katzmann und ich sind ja regelmäßig völlig abgedreht
und es war ganz bestimmt nicht leicht, sich diese „Tragödien“
immer und immer wieder zu geben, hahaha. Von daher: Hut ab!“ Den
allerletzten Gig mit O.W. absolvierte die Band damals übrigens am
20. Januar 1989 in Kleinheubach bei Miltenberg. Ein Event, das auch mal
wieder in die Geschichte einging, schlief der trinkfreudige Herr Thorwarth
hier doch einfach mal kurzfristig auf der Bühne ein. „Ich kann
mich noch erinnern“, so der Beschuldigte, „daß es an
dem relevanten Tag helles Bock-Bier aus Bechern zu trinken gab. Das Zeug
hat mich tierisch umgehauen, so daß ich irgendwann vor dem eigentlichen
Gig auf die Bühne gewankt bin, ‘Biene Maja’ ins Mikro
gesungen hab und irgendwann einfach zusammengebrochen bin. Unser Roadie
Jan hat mir dann noch den Baß umgeschnallt und mich immer wieder
aufgerichtet, wenn die Erdanziehung zu groß wurde, hahaha. Das war
zuviel des Guten!“
Für O.W. auf jeden Fall, so daß die Zeit für seinen Nachfolger
gekommen war. Der bereits erwähnte Herr Tunn war in der hart-metallischen
Musikszene im Rhein-Main-Gebiet damals kein Unbekannter mehr, spielte
er doch in diverse mittelprächtigen Kapellen, die jedoch nie zu überregionalem
Ruhm gelangten. Seinen TANKARD-Einstand gab er dann bei der Konzertreise
im Frühjahr ’89, die die Formation auch nach Holland, Belgien
und England führte und die in legendären Konzerten in der damals
(zumindest auf dem Papier) noch existenten DDR mündete. „Gleich
zu Beginn des Jahres 1990 spielten wir an zwei Abenden zusammen mit MOSHQUITO
in Aue, bevor es am 4. März richtig groß wurde und wir beim
„Thrashing East“-Festival in Ost-Berlin vor rund 7.000 Fans
auf die Bühne klettern durften. Klasse Erfahrung vor diesen Metal-hungrigen
Leuten zu spielen, die ja bekanntlich auch auf dem ‘Thrashing East’-VHS-Tape
festgehalten wurde.“ Mit diesen tollen Erlebnissen und Erfahrungen
ging es auch in der folgenden Zeit weiter für TANKARD. Die Band spielte
am 2. Juni 1990 als Co-Headliner beim Rock Hard-Festival in Lichtenfels
auf und produzierte mit ‘The Meaning Of Life’ im selben Jahr
eines der besten Alben in der Bandhistory. Darauf enthaltene Songs wie
‘Open All Night’, ‘Dancing On Our Grave’ und natürlich
‘Space Beer’ waren (und sind noch immer) Hymnen allererster
Güteklasse, die das Quintett noch ein ganzes Stück voran gebracht
haben. Doch dann kamen die Neunziger Jahre erst so richtig ins Rollen…
Dürreperiode
Das anstehende Jahrzehnt war für Metal-Acts nicht wirklich der Knaller,
das ist bekannt. Und dementsprechend begann auch für die Frankfurter
Thrasher TANKARD eine Zeit, die die Band eher wieder einige Erfolgsschritte
zurückführte. Zwar trat die Band nach wie vor mehr oder weniger
regelmäßig live in Erscheinung - so zum Beispiel am 9. März
1991 als Special Guest von MOTÖRHEAD in der Frankfurter Festhalle
- und veröffentlichte in Form des ‘Fat, Ugly & Live’-Konzertmitschnittes
sowie dem Studioalbum zum 10-jährigen Bandbestehen ‘Stone Cold
Sober’ (auf dem mit ‘Freibier’ der erste deutschsprachige
TANKARD-Song enthalten war) zwei formidable Scheiben, aber jeder der Beteiligten
konnte spüren, daß der „musikalische Zeitgeist“
mittlerweile ein anderer war und sich viele Leute eher die Veröffentlichungen
irgendwelcher Heulsusen aus Seattle in den Schrank stellten, als unterhaltsamen,
lustigen Thrash Metal aus deutschen Landen - sad but true. An diesem Zustand
änderten auch die nächsten Veröffentlichungen nichts. ‘Two-Faced’,
das sechste reguläre Werk der Band, enthielt mit ‘Death Penalty’
oder ‘Nation Over Nation’ sicherlich ein paar klasse Songs,
aber irgendwie merkte man den Fünf aus Mainhattan an, daß sie
nicht mehr mit vollem Enthusiasmus bei der Sache waren. Da war das unter
dem Bandnamen TANKWART eingespielte Mini-Album ‘Aufgetankt’
fraglos spaßiger, verwurstete die Gruppe darauf doch einige Neue
Deutsche Welle-Tracks in hartem Gewand und sorgte damit in einschlägig
bekannten Kreisen für eine willkommene Party-Beschallung. Doch dieses
Cover-Unternehmen brachte gleich in zweierlei Hinsicht Veränderungen
im Line-up der Combo. Zum einen verließ Gründungsmitglied Axel
Katzmann krankheitsbedingt die Band und zum anderen hieß es auch
für Arnulf Tunn Abschied vom TANKARD-Schlagzeug nehmen - wenn in
diesem Fall auch nicht ganz freiwillig. „Axel hatte durch seine
Arthritis immer mehr Probleme beim Gitarrespielen, so daß er die
Band verließ“, schaut Gerre zurück. „Bei unserem
damaligen Drummer kam die Entscheidung hingegen von unserer Seite, weil
da einfach zu viele Sachen aus dem Ruder liefen. Vom musiklaschen Können
her, war der Mann sicherlich eine Hausnummer, allerdings gab es menschlich
einige Diskrepanzen, die für uns nicht mehr länger tragbar waren.
Mehr Worte sollte man da heute gar nicht mehr drüber verlieren -
ist ja schon verjährt, hahaha.“
Die Nachfolge auf dem verwaisten Schlagzeughocker trat jedenfalls Olaf
Zissel an, der zuvor mit KILLRAYS und AUTOPSIA schon einige Erfahrung
sammeln konnte und seine Sache auf der ‘Two-Faced’-Tour sowie
dem besagten ‘Aufgetankt’-Mini-Album dementsprechend souverän
anging. „Bei Olaf hat man sofort gemerkt, daß er prima zum
Rest des Haufens passt“, lobt Frank seinen trommelnden Sidekick.
„Der Typ ist zwar recht still und introvertiert, aber im Endeffekt
genauso wahnsinnig wie wir selbst, hahaha.“ In der Tat eine gute
Voraussetzungen für eine fruchtbare Zusammenarbeit…
Neuland
Die ‘Two-Faced’-Tour sollte die letzte wirklich zusammenhängende
Konzertreise der Band für die nächsten Jahre bleiben, was ganz
einfache Gründe hatte, wie Frank erklärt. „Wir hatten
damals alle wieder Jobs angenommen, weil wir von der TANKARD-Kohle alleine
nicht mehr leben konnten, und da waren solche ausufernde Geschichten schlicht
und ergreifend nicht mehr machbar. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir
ja zu jeder Platte eine Tournee gespielt und ansonsten übers Jahr
verteilt nur noch wenige Einzelgigs, doch nach dem besagten Album verhielt
es sich damit genau umgekehrt. Fortan - und zwar bis zum heutigen Tag
- spielen wir eigentlich nur noch Wochenendshows.“ Die Jobs waren
Mitte der Neunziger Jahre allerdings nicht der einzige Grund für
diesen „Verhaltenswechsel“ in den Tourgewohnheiten der Band.
„Man mußte ganz einfach erkennen“, so Gerre, „daß
man mit Thrash Metal niemanden mehr hinterm Ofen hervorlocken konnte.“
Sicherlich einer der Gründe, warum auch TANKARD auf der folgenden
‘The Tankard’-Scheibe eine kleine Kurskorrektur vollzogen
und zumindest partiell Neuland betraten. „Andy Bulgaropulos war
während der Entstehung von ‘The Tankard’ viel mehr als
in der Vergangenheit beim Kreieren der Melodielinien involviert und ich
denke, daß der hauptsächlich Schub hin zur Veränderung
dadurch ausging“, resümiert Gerre die Produktionsphase der
melodischsten Bandveröffentlichung. „Es handelte sich bei den
Kompositionen sicherlich nicht um eine komplette Abkehr von dem bekannten
TANKARD-Sound, aber dennoch unterschied sich das Ding ziemlich von unseren
vorangegangenen Arbeiten - was nicht jedem Fan gefiel. Ich finde die Platte
auch heute noch ziemlich klasse, aber gerade die Tatsache, daß mein
Gesang mehr zu einem solchen wurde, und der erwähnte Melodie-Faktor,
stießen manchen altgedienten Anhängern sauer auf.“ Da
half auch der abgefahrene Video-Clip, der zu dem Song ‘Minds On
The Moon’ gedreht, und laut Gerre „nirgends ausgestrahlt“
wurde, nichts.
Kein Wunder also, daß die Band darum in den nächsten Jahren
recht desillusioniert „vor sich hinvegetierte“, nur noch wenige
Auftritte absolvierte (1998 beliefen sich die TANKARD-Auftritte auf stattliche
3) und nach der Schlager-Verwurstung ‘Himbeergeist Zum Frühstück’
unter dem TANKWART-Banner auch dieses Sideproject ad acta legte. Erschwerend
kam in dieser Phase hinzu, daß nach den Aufnahmen zum nächsten
regulären TANKARD-Album ‘Disco Destroyer’, die Ende ‘97/Anfang
’98 von statten gingen, Andy Bulgaropulos die Band verließ,
um fortan mit seiner Familie in Berlin zu leben. „Das war eine wirkliche
Scheiß-Situation, die wohl zur schwärzesten in der gesamten
Bandhistory zu zählen ist“, meint Frank heute dazu. „Aber
wie wir nun einmal sind, haben wir uns auch davon nicht unterkriegen lassen
und haben uns eben auf die Suche nach einem neuen Gitarristen gemacht.“
Die Band lud verschiedene Bewerber in ihren Proberaum ein und fand letztendlich
in Andy Gutjahr auch die absolute Traumbesetzung für diesen Posten,
allerdings erst nachdem die Auditions so manch einen obskuren Vertreter
aus der Versenkung gelockt hatten. Gerre erinnert sich: „Da kam
irgendwann mal so ein Typ vorbei, der sich „Fürst der Finsternis“
nannte, und der mächtig einen an der Waffel gehabt haben muß,
hahaha. Nicht nur, daß er zum Einstand von uns verlangte, daß
wir sein Arbeitsgerät in den Proberaum schleppen sollten - der hat
auch auf der Klampfe einen Müll abgelassen, der seinesgleichen suchte.
Das einzig Gute, was er uns damals überreicht hat, waren somit auch
die extra von ihm angefertigten Kondome mit der Aufschrift „Der
Fürst ist in dir“ - einfach nur göttlich, hahaha!“
Wie gesagt: die Wahl für die Neubesetzung des vakanten Gitarristen-Posten
fiel letztendlich auf den zuvor schon bei LIGHTMARE aktiven Andy Gutjahr,
aber dennoch tat sich im Jahr 1998 nicht wirklich viel im Hause TANKARD.
Zu so etwas wie dem Zünglein an der Waage im Hinblick auf das Fortbestehen
der Band, sollte sich sogar der Auftritt beim Wacken Open Air am 7. August
erweisen. „Ich habe mir im Vorfeld des Gigs so meine Gedanken gemacht
und mir die Gretchen-Frage nach dem Zuschauerzuspruch und somit nach dem
Sinn des Ganzen gestellt“, berichtet Gerre. „Entweder es würden
150 Nasen in dem Zelt auflaufen und niemanden interessiert der ganze Scheiß
mehr oder aber das Ding ist gut gefüllt und es geht ansprechend ab.
Glücklicherweise trat die zweite Variante ein und der Auftritt wurde
zu einem vollen Erfolg. Das war so ein Zeichen für uns, daß
es doch noch aufwärts gehen kann mit der Art von Mucke, wie wir sie
nach wie vor gemacht haben - und wohl auch immer machen werden!“
Bei der besagten Show in Wacken zog sich der Frontmann zwar einen schmerzhaften
Kreuzbandriß am Knie zu und durfte den nächsten Tag in einem
Itzehoer Krankenhaus verbringen, aber die Erkenntnis, daß es mit
TANKARD weitergehen konnte, war auch diese Blessur wert.
Bierkönige
Der neu gefundene Elan wurde gemeinsam mit dem ebenfalls neuen Axtschwinger
1999 auch wieder verstärkt auf den Bühnenbrettern präsentiert
und führte TANKARD erstmals in der Bandgeschichte nach Japan und
Tschechien. Zurück von diesen Unternehmungen begaben sich TANKARD
direkt in Songschreiber-Klausur und leierten sich das Material für
den nächsten Longplayer ‘Kings Of Beer’ aus dem Handgelenk.
Aufgenommen wurden die Songs, unter denen sich solche Perlen wie ‘Flirtin’
With Desaster’, ‘Dark Exile’ oder der Titelsong befanden,
Anfang 2000 im Lüttener Spiderhouse-Studio zusammen mit Harris Johns
und Ex-Gitarrist Andy Bulgaropulos. Trotz der unbestreitbaren Klasse des
Materials zeigt sich Gerre heute nicht mehr rundherum glücklich mit
der Scheibe. Was jedoch vielleicht auch daran liegt, dass er generell
keine guten Erinnerungen an die relevante Zeitspanne hat. „2000
war ein ziemliches Scheiß-Jahr für uns. Ich ließ mir
die Mandeln entfernen und hatte schlicht und ergreifend so etwas wie einen
„mentalen Hänger“, so daß wir erst einmal eine
Pause einschoben. Wir spielten in den zwölf Monaten nur einen einzigen
Gig und ließen die Band ansonsten einfach ruhen. Das war damals
einfach mal nötig“, beschließt der Sänger die Reise
in für ihn ungünstige Zeiten.
2001 lief der Bandmotor dann wieder langsam an, die Band spielte einige
Konzerte (darunter auch renommierte Festivals wie das With Full Force,
in Wacken und beim Summer Breeze) und es ließ sich für keinen
der Beteiligten leugnen, daß der Spaß an der Sache wieder
da war. Und genau dieses Gefühl der wieder gefundenen Freude am Krachmachen
schlug sich im nächsten Album, dem Jubiläumsalbum zum 20. Wiegenfest
der Gruppe, ‘B-Day’, nieder. TANKARD arbeiteten dafür
zum ersten Mal mit Andy Classen als Produzent zusammen und rotzten in
dessen Stage One-Studio ein Werk ein, daß aller Geburtstagsehren
wert war. „Ich sehe das Album heute auch als regelrechten Schnitt
in der Bandarbeit“, kommentiert Gerre die Platte. „‘B-Day’
war die erste Scheibe, die wir nicht mit Harris Johns produziert hatten,
wir fanden bei AFM Records ein neues zuhause und auch in Sachen Songwriting
war das ein Sprung, den ich uns selbst eigentlich gar nicht mehr zugetraut
hatte.“ Die Qualität sämtlicher Songs stimmte und somit
fielen auch die Reviews in den einschlägigen Gazetten durch die Bank
weg positiv aus, was der Formation wiederum verstärkt Konzertanfragen
einbrachte. Neben einer ganzen Menge Gigs im Ausland (darunter auch Länder
wie Italien oder Griechenland), spielten TANKARD 2002 auch zwei denkwürdige
Konzerte in den hiesigen Gefilden. Zum einen beging man am 29. Mai in
der Frankfurter Batschkapp, und somit vor heimischem Publikum, das 20-Jahre-Jubiläumskonzert,
und zum anderen trat das Quartett zum ersten Mal beim Bang Your Head!!!-Festival
in Balingen auf. Da die Band beim letztgenannten Event nicht sonderlich
erbaut über die vom Veranstalter ausgegebene frühe Auftrittszeit
war, entschlossen sich die Herren Geremia, Thorwarth, Gutjahr und Zissel
kurzerhand in Schlafanzügen aufzutreten - Kult!
Die folgenden Monate standen dann im Zeichen des Songwritings. Neben einigen
sporadischen Auftritt kümmerten sich die Frankfurter vornehmlich
darum, einen würdigen ‘B-Day’-Nachfolger auf die Reihe
zu bekommen, was vor allem Gerre immer wieder schlaflose Nächte einbrachte.
„Ich bin von Haus aus ein Zweifler und so plagte mich die Überlegung,
ob wir den qualitativen Standard von ‘B-Day’ würden halten
können, schon ganz schön. Aber wie es sich letztendlich gezeigt
hat, waren die Zweifel mal wieder umsonst, hahaha.“ Stimmt genau,
denn die im November 2003 erneut mit Knöpfchendreher Andy Classen
eingebretterte ‘Beast Of Bourbon’-Wundertüte kam bei
der Anhängerschaft noch besser an als der besagte Vorgänger
und katapultierte TANKARD wortwörtlich in den zweiten Frühling.
Der Härtezuwachs der Kompositionen insgesamt, und Traumsongs wie
der Opener ‘Under Friendly Fire’, ‘Slipping From Reality’,
‘Beyond The Pubyard’ oder das köstliche ‘Die With
A Beer In Your Hand’ im Speziellen, trafen den Geschmack der Fans,
so daß der TANKARD-Tourkalender auch im Jahr 2004 wieder bestens
gefüllt war. „Darin liegt auch der größte Erfolg
seit der Veröffentlichung von ‘B-Day’“, meint Gerre.
„Wir haben seitdem die Möglichkeit in Ländern zu touren,
in denen wir noch nie zuvor waren.“ Neben Portugal, Schweden, Irland
und den USA ging die Reise dabei in den letzten Jahren auch ins ehemalige
Jugoslawien - und endete für den beleibten TANKARD-Frontmann beinahe
endgültig dort, wie sein Bandmate Frank Thorwarth erzählt. „Die
Auftritte in den dortigen Clubs waren zwar sehr abgefahren, allerdings
hatten wir bei den Reisen durch das Land zweimal mehr Glück als Verstand.
Zum einen wurde unser Wagen in irgendeinem Kaff von Fußballfans,
die uns wohl für Anhänger der gegnerischen Mannschaft hielten,
mit Steinen bombardiert, so daß die Frontscheibe dran glauben mußte,
und wir dem Fahrer danken können, daß er einen kühlen
Kopf bewahrte und das Gefährt noch aus der Gefahrenzone lenkte. Zum
anderen mußten wir an einem anderen Tag staubedingt irgendwo anhalten
und Gerre nutze die Zeit dazu, die Blase zu entleeren, übersah dabei
jedoch, daß er schnurstracks auf ein als Minenfeld gekennzeichnetes
Gebiet marschierte. Wie schon die Steinwurfgeschichte ging auch diese
Aktion glücklich und für uns alle schadlos aus, aber irgendwie
haben einem dabei doch die Knie ganz schön geschlottert.“
Leinwandhelden
Das „wilde Touren“ ging auch 2005 weiter. Neben vielen „normalen“
Gigs in Deutschland (unter anderem erneut beim Bang Your Head!!!-Festival),
den Benelux-Staaten, Frankreich, Portugal und der Schweiz, bestritt das
hessische Quartett dabei am 25. Mai auch einmal mehr ein Heimspiel in
der Frankfurter Batschkapp, das für die erste TANKARD-DVD ‘Fat,
Ugly And Still (A)Live’ mitgeschnitten wurde. Aufgestockt um einen
zweiten Silberling, der viele „lustig-obskure Abartigkeiten“
beinhaltet, gehört diese Ton- und Bilddokument ganz klar zu den absoluten
Highlights der Bandgeschichte. Aber bei diesem einen Auftritt vor laufenden
Kameras sollte es für TANKARD nicht bleiben! Nachdem die Band nämlich
im Januar 2006 das nächste und bislang letzte reguläre Studioalbum
‘The Beauty And The Beer’ eingespielt hatte, bekam sie beim
DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und Eintracht Frankfurt am
29. April die Möglichkeit, im Berliner Olympiastadion die Eintracht-Hymne
‘Schwarz-weiß wie Schnee’ zu intonieren, was Gerre als
alten SGE-Fanatiker natürlich nach wie vor begeistert. „Wir
hatten den Titel ja ursprünglich bereits 1999 für einen Sampler
zum 100-jährigen Bestehen des Vereins eingespielt, und irgendein
guter Geist hat den Track nach dem Halbfinalsieg der Eintracht gegen Arminia
Bielefeld durch die Stadionboxen gepustet, was wohl vielen Leuten ganz
gut gefallen hat. Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: Ungefähr eine Woche
vor dem besagten Endspiel nahm die Marketing-Abteilung des Vereins jedenfalls
mit uns Kontakt auf und machte uns das Angebot in Berlin vor der Frankfurter
Fankurve zu spielen, was wir natürlich nicht ausschlagen konnten.
Das war etwas für die Ewigkeit, von dem wir fraglos noch unseren
Enkeln erzählen werden, hahaha.“ Im weiteren Verlauf des Jahres
machte sich die Band dann hierzulande rar und konzentrierte sich auf Konzerte
im Ausland - schließlich wollte man sich diese Präsenz in hiesigen
Gefilden für 2007 und das damit verbundene 25-jährige Bandjubiläum
aufheben. Einige der Gigs, wie zum Beispiel beim Keep It True- sowie beim
Rock Hard-Festival, sind bereits absolviert, aber für Ende des Jahres
ist noch eine kleine, aber feine Jubiläumstour anvisiert, für
die sich TANKARD noch einmal den Luxus eines Nightliners gönnen werden
und bei der der Spaß für alle Beteiligten schon jetzt vorprogrammiert
ist. In diesem Sinne: Cheers a lot! Auf das nächste viertel Jahrhundert,
ihr Abfahrer!
Autor:
Peter Engelking
Interview mit TANKARD-Manager Buffo
Schnädelbach
In der deutschen Metal-Landschaft gibt es neben dem TANKARD-Manager Buffo
Schnädelbach eigentlich keine wirklichen Kult-Figuren mehr, die sich
abseits der Bühne um das Wohl ihrer Schützlinge kümmern.
Wenn sich Bands heutzutage schon die Dienste einer helfenden Business-Hand
sichern, dann handelt es sich dabei meist um mittlere bis größere
Firmen, die von der eigentlichen Materie, nämlich dem Heavy Metal
an sich, keinen blassen Dunst mehr haben. Bei diesen Konstellationen geht
es vornehmlich um Umsatzsteigerung, Profitgier, eben den schnöden
Mammon. Anders bei der Brut aus Mainhattan. Hier ist der Manager praktisch
fünftes Bandmitglied und mindestens ein ebenso großer Chaot,
wie der Rest des Haufens. Wir wollten es uns daher nicht nehmen lassen,
dem „fadenziehenden Mann“ im Hintergrund im Rahmen unserer
TANKARD-Geschichtsstunde auch einmal ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
Buffo, du bist heute Anfang Vierzig und hast einen Großteil
der TANKARD-History leibhaftig und in aller erster Reihe miterlebt. Wann
haben sich denn dein Weg und der der Band denn zum ersten Mal gekreuzt?
„Den Gerre habe ich irgendwann Anfang der achtziger Jahre im Stadion
kennen gelernt. Damals haben sich viele der Metal-Freaks in Frankfurt
untereinander gekannt, so daß diese Begegnung gar nichts Außergewöhnliches
war. Aber zum eigentlichen Engagement als Bandmanager bin ich geraume
Zeit später sprichwörtlich gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde.
Gerre hatte nämlich mitbekommen, daß ich meine ersten Artikel
fürs Rock Hard geschrieben hatte, das muß so ´85 gewesen
sein, und sprach mich auf den Manager-Posten an, da TANKARD gerade einen
Deal bei Noise Records unterschrieben hatten und er davon ausging, daß
ich schon ein paar hilfreiche Beziehungen mitbringen würde. Allerdings
mußte ich den Guten damals noch enttäuschen, denn ich war gerade
im Begriff den Vorstellungen meiner Mutter zu entsprechen, „etwas
kaufmännisches zu lernen“ und eine Banklehre bei der Commerzbank
in Frankfurt anzufangen. Mit dieser Berufung war es jedoch nicht allzu
weit her und ich habe nach zwei Monaten die Notbremse gezogen, mich aus
dem Irrenhaus verabschiedet, also meine Lehre hingeschmissen, und war
somit bereit für den Job bei TANKARD.“
Warst du denn davor schon selbst in Bands aktiv oder hast du Musik
stets von der passiven Seite aus genossen?
„Nein, selbst Musik habe ich nie gemacht! Und wenn ich mir so anschaue,
wie die Jungs auf der Bühne immer schwitzen, bin ich auch ganz froh,
daß ich mich für diese Seite der Geschichte entschieden habe.
Ich hasse nämlich kaum etwas mehr, als zu schwitzen, hahaha.“
Dennoch mußtest du ganz am Anfang eurer Zusammenarbeit auch
einmal mit auf die Bretter, die die Welt bedeuten…
„Das ist mir noch in grausamer Erinnerung geblieben, ja! Das war
damals der allererste TANKARD-Gig nach meinem „Amtsantritt“
und Gerre hat mich tatsächlich in seinem Wahn dazu genötigt,
bei dem Song ‘Alcohol’ mitzusingen - was für alle Beteiligten
ein Zumutung war! Danach hat die Band glücklicherweise von solchen
Aktionen abgesehen und mich meine Arbeit machen lassen. Schließlich
kann ich besser mit Geld als mit einem Mikro umgehen, was in meiner Tätigkeit
ja schon von Vorteil ist, oder!?! Was nutzt ein Manager, der selbst die
ganze Kohle versäuft, verkifft oder verhurt?“
Wenn du damals so ins „kalte Business-Wasser“ gesprungen
bist mit diesen Job: Gab es denn einen aktiven Manager, an dem du dich
zu Beginn orientiert hast?
„Hahaha, du meinst so eine Art „Manager-Vorbild“? Nein!
Durch meine damals gerade intensiver werdende Schreibertätigkeit
beim Rock Hard und auch beim Metal Hammer habe ich irgendwann Ende der
achtziger Jahre Boggi Kopec kennen gelernt, der seinerzeit schon Gruppen
wie KREATOR und SODOM managte, und von ihm sicherlich den ein oder anderen
Tip bekommen, aber das war’s auch. Heute schlage ich natürlich
ab und zu mal die Hände überm Kopf zusammen, wenn ich mir überlege,
wie naiv ich damals bei manchen Dingen war. Aber was macht man nicht alles
in jugendlicher Unbekümmertheit!?!“
Wie weit geht denn mittlerweile dein Einfluß auf die Band? In
welchem Umfang genießt du bei musikalischen Ideen beziehungsweise
auch bei personellen Fragen in der Vergangenheit denn Mitspracherecht?
„Also generell ist es bei uns so geregelt, daß ich als fünftes
beziehungsweise früher als sechstes Bandmitglied geführt werde
- das gilt sowohl für die zu fällenden Entscheidungen als auch
für den finanziellen Aspekt. Jeder von uns bekommt also den gleichen
Teil des - heute zugegebenermaßen recht kleinen - Kuchens ab. Bei
den grundlegenden Fragen, die die Band betreffen, sind es meistens Gerre
und ich, die Entscheidungen treffen. Das bedeutet allerdings keineswegs,
daß die anderen Musiker Tölpel sind, ganz im Gegenteil, aber
Frank, Andy und Olaf sind durch Familie, Job, etc. viel mehr eingebunden
als wir und somit ganz froh über diese Handhabung. Falls es dann
wirklich einmal Unstimmigkeiten untereinander gibt, zählt die Bandmehrheit,
das ist klar! Das verhält sich auch bei Personalfragen so, obwohl
es da ohnehin nur einen ehemaligen Mitstreiter gab, der absolut nicht
mehr tragbar war und aus der Band befördert wurde. Alle anderen Wechsel
gingen aufgrund von familiären oder gesundheitlichen Gründen
vonstatten.“
Warf sich in all den Jahren denn für dich auch einmal die Frage
auf, neben TANKARD noch eine oder mehrere andere Bands zu managen?
„Ende der achtziger Jahre habe ich mich auch mal kurzzeitig um die
Belange der Frankfurter Band GRINDER gekümmert, die mit ‘Dead
End’ eine richtig geile Scheibe am Start hatten, aber das hat aus
diversen Gründen nicht wirklich gut hingehauen. Zum einen stand die
Band bei Charly Rinnes No Remorse-Label unter Vertrag, was eine wahrhaftig
schlechte Ausgangsposition war, und zum anderen waren ein oder zwei der
damaligen Bandmitglieder auf einem sonderbaren Rockstar-Trip, den niemand
brauchte. Und nicht zu vergessen: Irgendwo gab es zwischen TANKARD und
GRINDER ja auch ein gewisse Konkurrenzsituation. Anyway, es gab immer
mal wieder Anfragen über die Jahre hinweg, die ich jedoch stets abgelehnt
habe. Ein Sauhaufen ist definitiv genug, hahaha.“
Ein Sauhaufen, mit dem man allerdings auch verdammt viel Spaß
haben kann. Was würdest du denn als deine persönlichen Highlights
mit TANKARD bezeichnen?
„Oh, da gibt es mehrere Sachen, die mir in guter Erinnerung geblieben
sind. Als erstes logischerweise mein bereits angesprochener Amtsantritt
`86 im Frankfurter Südbahnhof, oder der Auftritt beim Rock Hard-Festival
1989 in Lichtenfels, bei dem es den ganzen Tag geschüttet hat wie
Sau - nur pünktlich zum TANKARD-Gig kam die Sonne raus. SEPULTURA
haben damals vor uns und RUNNING WILD nach uns gespielt, und beide Bands
wurden vom Regen brutal von der Bühne gespült - wobei gerade
Rock`n´Rolf, der alte Säbel-Pirat, das ja auch durchaus verdient
hatte, hahaha. Legendär war aber auch unsere erste echte Tournee
1988. Wir hatten überall mächtig viele Zuschauer, waren im Nightliner
unterwegs und nur besoffen. Fanden wir damals alle klasse, nur der Busfahrer
nicht! Oder der Charteinstieg damals mit ‘The Meaning Of Life’
- da waren wir verständlicherweise stolz wie Oskar. Aber es gab auch
in der jüngeren Vergangenheit viele schöne Geschichten. So haben
wir gerade in den letzten Jahren sehr oft in Ausland gespielt, 2006 zum
Beispiel auch zum allerersten Mal in den USA, was fast immer total spaßig
war. Highlights gab es bislang also jede Menge!“
Gut so! Dann bleibt uns nichts anderes zu tun, als die Daumen zu drücken,
daß es auch zukünftig derartig geschmeidig und unterhaltsam
weitergeht mit TANKARD und ihrem „two-faced manager“!
Autor: Peter Engelking
Das fällt der
Prominenz zu „25 Jahre TANKARD“ ein:
Tom Angelripper (SODOM)
„Für mich gehören TANKARD zu den Urgesteinen der deutschen
Metal Szene. Ich freue mich immer, wenn ich die Jungs treffe, dann geht´s
zur Sache. Hoffe, daß wir mal wieder zusammen touren, denn wir sind
aus dem selben Holz geschnitzt! Ich wüsche den Jungs alles Gute -
macht weiter so. Also, hoch die Tassen....!“
Gerrit P. Mutz (SACRED STEEL)
„Seit mir Gerre die Zunge in den Hals gesteckt hat, bin ich ja quasi
ein TANKARD-Groupie und somit extrem voreingenommen…aber egal. TANKARD
rules! Aus purer Hingabe und in devoter Ehrerbietung covern wir mit SACRED
STEEL ab und an als Showhöhepunkt TANKARDs Meisterwerk ‘ (Empty)
Tankard’, auch wenn das des Öfteren etwas ins Chaotische abdriftet
und uns sichtlich/hörbar überfordert…
Danke für die Musik - TANKARD, Danke für die Liebe - Gerre.
Auf weitere 25 Jahre Spaß und Bier!“
Michi „Das Letzte Einhorn“ Rhein (IN EXTREMO)
„Die sehen aus, wie von der Wende verweht. Respekt für diese
Jungs!“
Sabina Classen (HOLY MOSES)
„Gerre und TANKARD: da fallen mir einige Stories ein! Gerre und
ich wachen - jeweils auf einer schmalen Holzbank liegend - in einer Sporthalle
auf mit dickem Kopf … nach einem gemeinsamen Gig anno 1990…
und wissen nicht, warum wir noch im kalten Backstageraum liegen.
Gerre kommt anno 2006 am 2. Dezember nach Aachen um auf der HOLY MOSES
25-Jahresparty mächtig mitzufeiern. Am nächsten Tag spielt die
Eintracht gegen Alemannia Aachen. Gerre und ich wollen uns nach dem Spiel
treffen, aber die Frankfurter werden von den Aachenern abgeschottet und
Gerre ist zu besoffen um mich wieder zu finden….
1989: TANKARD und HOLY MOSES spielen in Aachen für die legendäre
WDR-Sendung „Scream“ und der Krach wird auch noch live im
WDR1 Radio übertragen
Götz Kühnemund (Rock Hard Magazin)
„Gerre war 1983 zahlendes Mitglied der legendären „Metal
Maniacs Germany“. Deshalb MUSS der Mann Kult sein. Und seine Band,
die damals ständig mit ihren ‘Alcoholic Metal’-Demo-Glanztaten
nervte, natürlich auch. Gerre, ich liebe dich!“
Tobias Sammet (EDGUY/AVANTASIA)
„Obwohl Gerre Eintracht Frankfurt-Fan ist, ist er ein netter Typ.
Ich habe ihn sogar mal nüchtern getroffen...und er war trotzdem sehr
witzig. Auf die nächsten 25...“
Robert Kampf (Labelboss Century Media)
„TANKARD und ihr (damals) 6. Bandmitglied, Manager Buffo, waren
lange schon Freunde, bevor wir Mitte der 90er dann zusammen mit TANKWART
starteten und ein paar spaßige Jahre hatten. Von allen deutschen
Bands sind TANKARD klar die am meisten Spaß verbreitende und die
absoluten Party- und Saufkönige. ‘Chemical Invasion’:
“We fight for our right to drink clean beer (oder so)…”
Schmier (DESTRUCTION):
„TANKARD haben kein Säuferimage - denn sie leben unglaublicher
Weise ihr Texte wirklich: die Jungs waren tatsächlich auf jedem Gig,
Party, Festival immer die Vollsten! Bauchschmerzen vor lachen garantiert,
vor allem wenn Gerre richtig einen im Tee hat und aufdreht ... wenn man
weiß, daß der Frontmann seit Jahren als Streetworker Drogensüchtige
betreut, ist das schon abgefahren und verdient großen Respekt!“
Peavy Wagner (RAGE):
„Ich hab selten einen so herzlichen und ehrlichen (und besoffenen)
Menschen erlebt wie Gerre! Alles Gute zum Jubiläum!“
Erik Fleuren (LEGION OF THE DAMNED):
„Nach 25 Jahren Thrash Metal und Alkohol, immer noch nicht die Schnauze
voll! Genial!! Prost!!!“