|
25 Jahre Lärmterrorismus
Laudatio von "Till Burgwächter"
Fotogalerie
von der 25 Jahres-Party von Chris Heine >>

Es war einmal vor ungefähr ziemlich genau 25 Jahren. In einem kleinen
Königreich am Main ärgert man sich noch immer darüber,
dass das verschlafene Bonn und nicht das mächtige Frankfurt zur
Bundeshauptstadt gewählt wurde. Aus diesem Grunde bauen die Eingeborenen
der Metropole ununterbrochen die höchsten wie hässlichsten
Häuser des ganzen Landes, um auf diese himmelschreiende Ungerechtigkeit
hinzuweisen. Fünf junge Lärmterroristen aber schmieden auf
dem Pausenhof ihrer Bretterpenne im Schatten der Stein gewordenen Phallussymbole
ganz andere Pläne. So finden sich Andreas "Gerre" Geremia,
Frank "Ich schlafe nicht, ich gucke immer so" Thorwarth, Axel
"Hamster mit Schnurrbart" Katzmann, Andy "Südosteuropas
Antwort auf Yngwie Malmsteen" Bulgaropulos und Oliver "O.W.O.W."
Werner anno 1982 zusammen, um unter dem Banner Tankard den Kampf gegen
das System aufzunehmen. Nach nur einem Jahr Probezeit, in dem der Legende
nach alle Band-Mitglieder jedes erdenkliche Instrument ausprobieren
dürfen, haben endlich allesamt ihren Platz gefunden.
Es versteht
sich von selbst, dass jeder das in der Hand hat, womit er am wenigsten
anfangen kann. Schließlich gilt es, den größtmöglichen
Schaden anzurichten. Während die RAF mit ihrer so genannten "dritten
Generation" zu dieser Zeit höchstens noch alle fünf Jahre
einen Rüstungskonzernchef niederstreckt, wollen Tankard die Gesamtbevölkerung
treffen. Diese versammelt sich (zumindest in Teilen) am 28.5.1983 in
einem Klassenzimmer im Goethe-Gymnasium zu Frankfurt, um im Rahmen eines
Schulfestes die erste Attacke über sich ergehen zu lassen. Der
Erfolg ist bescheiden. Zwar hatte man nach eigenen Angaben Bier in Milchtüten
umgefüllt, um so dem Alkoholverbot zu entgehen, aber das ist bei
genauerer Betrachtung für eine Blase 16jähriger Schüler
eine ziemlich unterdurchschnittliche Leistung. Solch "Straftaten"
begehen selbst die Novizen in einer Klosterschule.
Gefährlicher
Rock 'n' Roll? Das geht irgendwie anders. Unser Quintett sieht das natürlich
differenzierter, fühlt sich der Weltherrschaft nahe und ruht sich
ein langes Jahr auf den geernteten Lorbeeren aus. Im März 1984
bequemen sich die Herren zu einem weiteren Auftritt, diesmal in einer
Kirche, was bestimmt auch ganz schön aufregend war. Na ja, zumindest
gibt es da Messwein, das Mitbringen von Milchtüten erübrigt
sich wohl. Nach einem weiteren Gig in irgendeinem versifften Jugendclub
soll am 23.9.84 die Stunde unserer Helden schlagen. Gemeinsam mit ähnlich
gelagerten radikalen Zellen (unter anderem Sodom aus dem Ruhrpott und
Destruction von irgendwo unten links in der Ecke) stürmen sie die
Bühne des Frankfurter Bürgerhauses Sindlingen und versuchen,
irgendwen irgendwie zu beeindrucken. Mission fehlgeschlagen, könnte
man sagen, denn während die genannten Kollegen von Industrie und
Handel ob ihres Aussehens hofiert werden, bleiben für Tankard einmal
mehr nur abfällige Kommentare. Das eindeutige Urteil der Fachjury:
Zu hässlich für den Terrorismus. Das hören zu müssen
ist an sich nicht schön, es aber ausgerechnet von einem Menschen
wie Manfred Schütz gesagt zu bekommen, während Schmier und
Tom Angelripper neben einem stehen muss schon irgendwie deprimierend
sein. Also erstmal fix den Hauptschulabschluss nachgeholt und dann ab
ins Studio, das in diesem Fall zufällig in Berlin steht. Dem aufmerksamen
Zuhörer wird vielleicht aufgefallen sein, dass die Band innerhalb
ihrer ersten vier Jahre nicht ein einziges Mal aus ihrer Heimatstadt
herausgekommen ist, was einiges über die Abenteuerlust der Protagonisten
aussagt. Wahrscheinlich hatte man Angst, kurz hinter dem Ortschild der
Mainmetropole höre die Welt auf und man würde von der Scheibe
purzeln. Bevor es anno 1986 aber in den Osten der Republik geht, bricht
Frontmann Gerre erstmal in die städtische Nervenheilanstalt Frankfurt
ein, um einem Lyrik-begeisterten aber nicht begabten Patienten die geistigen
Ergüsse zu mopsen.
Die werden
eins zu eins auf das Album "Zombie Attack" gebracht, was man
Textzeilen wie dem ersten Refrain von "Acid Death" fast gar
nicht anmerkt.
"An insane murderer is comin’ to you
You are cryin’ horrible to God
But Satan laughs and doesn’t help
You are gonna die in hell tonight"
Okay, ich sagte fast! Denn abgesehen von der eher schlichten Stilistik:
Warum sollte Satan dem Opfer helfen, wenn dieses seinen Gegenspieler
Gott anjammert? Ein weiteres schönes Beispiel, diesmal aus dem
Titelstück: " The film I saw is over now ", was in sich
ja irgendwie logisch ist und an sich auch keiner weiteren Diskussion
bedarf.
Mit
der Gewissheit, dass die Erde doch eher rund ist, trauen sich Tankard
anno 1986 erstmals in anderen glitzernden Megacitys live zu spielen
und stöpseln ihre Waffen in Pforzheim, später gar in Schweinfurt
ein. Kaum ein Jahr später folgen die Aufnahmen zu "Chemical
Invasion", für dessen Cover der mittlerweile legendäre
Plattenfirmenboss Karl Walterbach höchstpersönlich Pate steht.
Mit so viel neuem Stoff im Gepäck überfällt das Kommando
1987 erstmals das Ausland, es wird von Live-Trommefellsprengungen in
Holland und Belgien berichtet. Dafür ignorieren die fantastischen
Fünf Frankfurt gänzlich, was die rund 660.000 Einwohner der
Stadt aber wohl nicht weiter stört. Mit dem 1988 aufgenommenen
Album "The Morning After" soll sich ein altes Sprichwort bewahrheiten:
Make it or break it. Tankard entscheiden sich fürs Brechen und
gehen statt im Geld zu baden lieber mit den heute vollkommen zu recht
vergessenen Deathrow auf Tour. Kann man sicher machen, muss man aber
nicht, auch wenn in den umnebelten Erinnerungen der Veteranen jeden
Abend 1000 Leute vor der Bühne standen. Vielleicht ist da jemand
ja einfach einmal zu oft in den Schrank eines Hotelzimmers gedivt, wer
weiß? Im Jahr des DDR-Konkurses reicht es gerade mal für
eine Mini-LP und für eine "Best of", was angesichts des
bisher veröffentlichten Materials fast schon eine Frechheit ist.
Außer '(Empty) Tankard', das zuvor bereits zweimal verwurstet
wurde, waren und sind die Geräuschkanonaden des Quintetts absolut
austauschbar, weshalb wohl auch heute noch viele Fans denken, "Hair
Of The Dog" wäre ein neues Album. Das folgt aber erst 1990
mit "The Meaning Of Life, und weil in den Neunzigern der Schein
wichtiger ist als das Sein lassen sich die cleveren Thrasher gleich
mal ein paar Promis aufs Cover pinseln.
Denn mal
ehrlich: Wer erinnert sich heute noch an Oden wie 'Always Them' oder
'Wheel Of Rebirth'? Und auch die körperumfängliche Annäherung
an die Gottheit macht noch keinen Buddhisten, lieber Herr Geremia. Dafür
hatte sich der anfangs erwähnte Schlagzeug-Werner in ein Wesen
namens Arnulf Tunn verwandelt, was im Folgenden aber keine weitere Rolle
spielt. 1991 wird die kreative Wüste in den Köpfen der Verantwortlichen
mit einem Live-Album überbrückt (übrigens die vierte
Scheibe, auf der '(Empty) Tankard' zum Einsatz kommt, aber das nur nebenbei),
außerdem zieht man mit dem Bollerwagen durch die Gegend. Der macht
am 18.5. am Südrand der Lüneburger Heide halt, wo der Verfasser
dieser Zeilen erstmals livehaftig in den Genuss der Frankfurter kommt.
Beim großartigen Crossover-Festival am Tankum- (nicht Tantrum)
See in der Nähe von Gifhorn spielen Tankard für 27 Fans und
eine schöne grüne Wiese. Und das alles ohne Gage, weil der
Veranstalter nämlich mit selbiger geflüchtet ist, was manche
von uns bis heute nicht verwunden haben. Ansonsten beäugt das musikalische
Achtziger-Fossil misstrauisch das Aufkommen der Grunge-Welle, in deren
Verlauf einige 20jährige verpickelte Karohemdenträger an einem
Tag so viel Geld verdienen wie die Frankfurter es in drei Leben nicht
schaffen würden. Also schwenken die ehemaligen Spaßbacken
um, schreiben ernsthafte Texte und wollen plötzlich die Welt retten.
Das
ist ungefähr so, als hätte Bud Spencer nach "Plattfuß
am Nil" einen Problemfilm mit Wim Wenders gedreht, deshalb gehen
"Stone Cold Sober" und "Two-Faced" natürlich
konsequent baden. Zum seelischen Ausgleich der in Depressionen versinkenden
Band-Mitglieder wird ein Schattenkabinett namens Tankwart ins Leben
gerufen, das Schlager und NDW-Songs vermetalpunkt, was vor allem verkappte
Karnevalisten und perverse Roland Kaiser-Groupies in Ekstase versetzt.
Ob die auf die Bühne geschleuderten feuchten Höschen von der
Begeisterung über das dargebotene Liedgut herrührten oder
doch eher ein Zeichen für schleichende Inkontinenz bei den Fans
waren, konnte nie geklärt werden. Doch zurück zum Hauptthema,
den traurigen Tankard, die 1995 mit "The Tankard" zwar auch
keine Schnitte machen, aber dafür immerhin die Transformation von
Trommler Arnulf zu Olaf Zissel vollziehen, was a) ein schönerer
Name ist und b) selbst im Suff noch irgendwie ausgesprochen werden kann
(olf zssl). Auch ist im gleichen Zuge Herr Katzmann von selbigem gesprungen,
weil ihm vermutlich der Spaß abging.
Genau den
entdecken Tankard dann in einer feuchten Ecke ihres Proberaums ab 1998
suksezive wieder, wie das Cover von "Disco Destroyer" andeutet.
2000 post Gerre endlich wieder mit freiem Oberkörper, diesmal sogar
auf dem Cover von "Kings Of Beer", was Herscharen von Käufern
anlockt, mit Andy Bulgaropulos aber ein weiteres Originalmitglied verscheucht.
Ersetzt wird der Klampfer durch Andy Gutjahr, der durch den massiven
Gebrauch von Haarfärbemitteln und Selbstbräunungscreme als
erstes und einziges Band-Mitglied nicht so aussieht, als hätte
er in der Nacht zuvor mit ein paar Waschbären um Essensreste gekämpft.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt erzählt Band-Bauch Gerre in
jedem Interview, dass Tankard nur ein Hobby wären und sie deshalb
gar keinen Druck hätten. Zumindest nicht, was die Verkaufszahlen
der Platten angeht. Das sieht Buffo – Manager und bisher sträflich
übergangenes Lebenslangmitglied der Truppe – offensichtlich
etwas anders. Weil 20 Prozent von nichts eben nichts ist, drängt
er die Combo weiter in die lukrative Fun-Ecke, wo Knorkator und J.B.O.
mittlerweile die dicke Kohle absahnen. "B-Day", "Beast
Of Bourbon" und "Beauty And The Beer" werden humoristische
Klassiker des neuen Jahrtausends, aber das reicht dem raffgierigen Manager
noch lange nicht. Im Mai 2005 werden rund tausend harmlose Passanten
in die auf Saunatemperatur hochgeheizte Batschkapp gezwungen, um als
Statisten für eine DVD das willige, wo nicht gar begeisterte Volk
zu mimen.
Warum
die begleitenden Interviews der Band-Mitglieder aber ausgerechnet direkt
an der parallel laufenden Bahnstrecke neben der Batschkapp stattfinden,
wird auf immer das Geheimnis der Organisatoren bleiben. Doch so schließt
sich der Kreis. Wo sich in den späten Siebzigern kommende Terroristen
und Außenminister zu den Klängen eines linksalternativen
peruanischen Flötenensembles den Tee reichten, dokumentieren Tankard
ihre ungebrochene Spielfreude. Und eins ist so sicher wie der Rauswurf
von Friedhelm Funkel in der nächsten Saison: Es geht weiter. Denn
hier zitiere ich Gerre aus seinem DVD-Interview auf "Fat, Ugly
And Still Alive": "Wir machen unsere Platten aus dem Bauch
raus." Und wenn ich mir den so angucke … Da muss noch ne
ganze Menge kommen!
|